PSYCHIC TV / ROME - 06.11.2009 in der Festhalle Kreuzberg / Berlin
von Torsten

Bewegung entsteht durch Haltung

Vor einiger Zeit lief im deutschen Privatfernsehen ein Beitrag über einen Mann, der sich Stück für Stück in seine verstorbene Frau verwandeln möchte. Und das betraf nicht nur Kleidung und Haarfarbe, sondern auch Phänotyp und Geschlecht! Zwar machte ich das, was ich auch immer mache, wenn ich versehentlich (wirklich!) auf einen „Shemale“-Clip klicke – nämlich wegschalten – aber irgendwas scheint an dem Sprichwort „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“ ja dran zu sein. Zumindest sollte eben jenes „chick with a dick“ an diesem Freitag mit seiner/ihrer Band PSYCHIC TV auf der Bühne stehen. Im Vorprogramm dabei eine „Supportband“, die den Titel „TB’s most ever anticipated supportband“ tragen darf: ROME aus Luxemburg („Danke, TB! Danke, dass du den ‚LUXEMBOURG aus Rom.’-Gag nicht gebracht hast!!“). Von der besten Band Luxemburgs zu sprechen wäre jetzt übrigens zwar wenig hyperbolisch, könnte aber in Anbetracht der Tatsache, dass mir sowieso keine andere einfallen mag, auch nach hinten losgehen (Trivia: Angeblich sagt man in diesem kleinen Land ja zu einem Eichhörnchen "Op-de-Boom-rup-Tier".). Darum der Zusatz, dass ich Leute, die diese Bezeichnung gern auf ganz Europa ausweiten würden, durchaus verstehen kann ... und das mag was heißen!

Compromise is not possible

Freitag, 6. November, Berlin-Kreuzberg. Das Kopftuch sitzt und mit dem Versprechen, nicht weiter Witze auf Kosten migrationshintergegründeter MitbürgerInnen zu machen oder geschlechtlich unpräzis definierte „Ladyboys“ zu diskriminieren, wird die Festhalle um 21 Uhr betreten.

Ab 22 Uhr war es Zeit für „Chanson Noir“ in der Dreierbesetzung Jerome Reuter (Gesang, gelegentlich zweite Gitarre), Patrick Damiani (Gitarre) und Nikos Mavridis (Violine, Gitarre und Trommel) – der Rest (Beats, Samples, ...) kam vom Band. Sardinenartig sammelte sich eine Menge von sicher gut 350 Besuchern, um einen großartigen Auftritt voll Leidenschaft, Gänsehaut und Schmerz zu erleben. Vertonte Poesie zwischen Hoffnung und Verzweifelung, Kraft und Lethargie. Wie massentauglich die ganz eigene, eingängige Mischung ROMEs, bestehend aus Elementen des apokalyptischen Folk und Chanson bis hin zum Industrial und Pop, bereits ist, veranschaulichte nicht zuletzt, dass sich sogar die (durchaus betagte) Mutti eines (auch schon etwas älteren) Bekannten diesen Auftritt nicht entgehen lassen wollte. Mehr als das, der Sänger suchte sie gar in ihren Träumen heim. Nungut, mit der Vorstellung eines (sinngemäßes Zitat!) „großen Schönlings mit langen, blonden Locken“ konnte die Wirklichkeit (in etwa der Sexappeal eines Religionslehrers) nicht ganz mithalten, aber ich hoffe, die Arme war nicht allzu enttäuscht. Immerhin dürften so einige Damen den überaus sonoren Bass-Bariton des Herrn Reuter als nahezu erotisierend empfunden haben. So jedenfalls suggeriert durch die laute Schwärmerei irgendwelcher Gothic-Gören. „Enttäuschung“ sollte zur Deskription dieses Gastspiels eh ein Fremdwort sein, mal abgesehen von denjenigen, die bereits vor Beginn des Konzertes am Eingang nach Hause geschickt wurden (Stichwort: ausverkauft). Gab es Störfaktoren? Ätzend war sicherlich die Vielzahl hässlicher Pärchen, die sich zur Musik abschlecken musste, und scheinbar nicht nachvollziehen kann, dass die bittersüße Tristesse ROMEs in (wenn auch nur geistiger) Isolation am intensivsten rezipiert werden will. Von meiner Seite aus wurden zwar „The Secret Sons Of Europe“ und insbesondere „Querkraft“ schmerzlich vermisst (zumal sie beide Mitte des Jahres in Mannheim noch spielten), doch gelang der Band mit folgender Tracklist eine mehr als gute Songauswahl (alle Angaben ohne Gewähr):

1. The Consolation Of Man
2. The Orchards
3. To Die Among Strangers
4. The Torture Detachment
5. A Legacy Of Unrest
6. Hope Dies Painless
7. Das Feuerordal
8. Odessa
9. Reversion
10. Wir Götter der Stadt
11. Der Erscheinungen Flucht
12. The Accidents Of Gesture
13. Der Brandtaucher
14. Swords To Rust – Hearts To Dust
15. Neue Erinnerung

PSYCHIC TV folgten kurze Zeit später mit einer furiosen, musikalisch atemberaubenden Freakshow, denen die Aussage, es sei die ultimativ letzte Tour für Genesis P-Orridge, nur das Sahnehäubchen aufsetzte, gipfelnd in einem „never seen before and never going to be seen again“-Duett mit ROME...
Nein, Spaß, ich will nur jene ärgern, die nicht dort sein konnten!* Da noch eine lange Heimfahrt von Berlin über Neubrandenburg und Rostock nach Wolgast anstand, wurde kurzerhand die Entscheidung getroffen, auf das provokative Zwitterwesen samt PSYCHIC TV zu verzichten. Gesehen habe ich ihn/sie noch, als er/sie/es von der Toilette kam ... von der Damentoilette wohlgemerkt. Reichte mir ungefähr bis knapp über den Bauchnabel.

* Appendix: Hoppala, nun sehe ich gerade, dass das mit der „letzten Tour“ laut Homepage wirklich der Fall ist: „Genesis Breyer P-Orridge is retiring from touring in any and all bands including TG to concentrate on art, writing and music. […] So if you like PTV3 and are thinking about waiting to see them another time, this is your last chance!”

           

 

Fazit:

Was uns bleibt, schleppen wir nun in Koffern durch halb Europa

Wie dem auch sei… Der Ausflug inkl. 18,- € Eintritt bescherte mit ROME einen ausgezeichneten, in gewisser Weise persönlichen und persönlich wichtigen Auftritt. Aus.

 

Bilder: Torsten / © Final War Mag.