Nuclear War Now! Fest 2009
von T.B.

2009 ist für Jünger des War Black Metal nach gewisser Durststrecke so etwas wie für Hippies die kompletten 60er zusammen. Da ich die Existenz eines BLASPHEMY-Gigs in Finnland weiterhin strikt leugne (!), seien nur MORBOSIDAD erwähnt, die gemeinsam mit GRAVEYARD, NECROS CHRISTOS u.a. Berlin zerlegten. Nach diesem Wochenende ist klar, dass das nur ein laues Lüftchen war, welches den Sturm namens NWN!-Fest (oder seit langem auch bekannt als „Fago-Fest“) lediglich leise ankündigte. Mal ganz ehrlich, das liest sich doch schon auf dem Papier wie ein Orgasmus, und der einzige Grund, warum ich jetzt die Namen, auf die ich mich freute, nicht wiederhole, ist der Erhalt meiner bequemen Sitzposition. Nur soviel: Wer an diesem Wochenende ohne TRIFTIGEN Grund nicht im Postbahnhof Fritz Club war, sei ein schlechter Musikgeschmack, Homosexualität und minderwertiges Erbgut unterstellt!

Freitag, 13.11.2009

Wenn wir schon bei „auf dem Papier“ sind: Der Freitag war dem Samstag in der Kategorie "nomen est omen" marginal unterlegen. Trotzdem begegneten wir vermeidbaren Verspätungen und Stau mürrisch. Der Fahrer (mit dem GUTEN Musikgeschmack!) sorgte für eine Ankunft um ca. 16.00 Uhr.

HELLIAS und TERRORAMA waren damit verpasst, aber ich betrachte das pünktliche Erscheinen zu BLASPHEMOPHAGHER aus Italien einfach mal als „alles richtig gemacht“. Warum? Weil die Band schwer geil war. Nicht umsonst lief die (wahnsinnig gute) „Nuclear Empire Of Apocalypse“ in letzter Zeit sowieso rauf und runter, auch wenn ich es nach wie vor verflucht schwer finde, die verlangten „33.666 rpm“ am Plattenteller hinzukriegen. BLASPHEMOPHAGHER hämmerten nicht nur Monster wie „Holocaust Summoning Of Nuclear Storm“, „Dawn Of Chaoscratic Tyranny“, „Nuclear War Now!“, „Abyss Of Lust, Chaos & Death“ oder „Atomic Infested Carnage“ herunter, sondern sorgten mit einem Gastgesangsauftritt von Impurath (BLACK WITCHERY) bei den Covern „Deathrash“ (SARCOFAGO) und „Lamb“ (VON) für ordentlich Polackentan... äh... Pogo sowie dem ersten, dafür aber gewaltigen Höhepunkt des Festivals. Sonst was? Der fette Gitarrist muss unter dem Helm und der Gasmaske geschwitzt haben wie ein Schwein und der Bassist dürfte aufgrund gewalttätigen Eigenverschuldens zwar um eine Bassgitarre ärmer sein, dafür aber um die Erkenntnis reicher, dass, wenn man beim Fagofest in die Menge spuckt, mindestens 10 Leute zurückspucken. Eine exklusive EP (1x blau (100 Stück), 1x rot (100 Stück)) namens „Tyrants Of Nuclear Death“ gab es übrigens nur beim NWN!-Fest zu kaufen. Es sind jedoch nur ein Livesong und ein NUNSLAUGHTER-Cover drauf.
Pogo-Faktor*: 8/10
*Der hier angegebene Wert bezieht sich auf sonstige deutsche (Black) Metal-Konzerte, wobei Punk- oder Psychabilly-Maßstäbe nicht gelten und der Durchschnittswert bei 0 liegt.

DEAD CONGREGATION im Anschluss begannen mit einem ziemlich coolen Doom Metal Intro. Was danach kam, betrachte ich jedoch als Verschlechterung. Das war nur ein wahnsinnig tiefes Gebrumme, noch tieferes Gegrunze und ein viel zu technisches Schlagzeug. Düster, ja, aber langweilig.
Pogo-Faktor: bbbrrrrrrrrrröööö/10

Diesen japanischen Old School Kram mag ich irgendwie überhaupt nicht. Dementsprechend waren mir ABIGAIL ziemlich egal. Angeguckt wurden sie trotzdem, damit man sie auf die „habe ich mal gesehen“-Liste schreiben kann. Stimmung kam definitiv auch, aber „gefallen“ geht anders.
Witzige Randerscheinung: Der geschätzte 1,50m kleine Pole, der fast jeden anrempeln musste und 3 oder 4 Mal eine kassierte. Super.
Pogo-Faktor: 5/10

NOCTURNAL GRAVES sah ich nur kurz. 0815-Mischmasch.
Pogo-Faktor: keine-Ahnung/10

Dann aber MIDNIGHT. MIDNIGHT! Wer schenkt mir Platten von denen?? Leider kannte ich die Amis vorher nicht, aber ... mannometer. Rotziger Speed Metal mit dem „Rhythmus, bei dem man mit muss“. Spätestens, wenn ein Songtitel wie „Berlin Is Burning“ angesagt wird. Die drei waren unglaublich sympathisch, zündeten zu Beginn einen Bass an, tranken Bier durch ihre seltsamen Masken (& spuckten es durch selbige aus), schlugen mit dem neuen Bass ins Publikum, donnerten einen geilen Song nach dem anderen runter und hatten dabei einen SUPERBEN Sound. Die Ansagen seien extra hervorgehoben: „Wir mögen Europa, weil man hier auf die Straßen pissen kann und niemanden stört’s!“. MIDNIGHT in zwei Worten: schwer geil ... um nicht zu sagen weingutgeil! Am Ende wurde übrigens auch Bassgitarre Nr. 2 zerlegt...
Pogo-Faktor: 7,5/10.

Leicht an der Lässigkeit des Auftritts kratzte die spätere Durchsage „Der MIDNIGHT-Sänger hat seinen Gürtel mit dem Totenkopf verloren. Wer ihn gefunden hat, möge ihn ihm bitte wiedergeben. Er tauscht gegen ein T-Shirt.“. Trotzdem: Was also im Vorfeld nur als nervige „Überbrückung“ zu BLACK WITCHERY gedacht war, entpuppte sich als mehr, und scheinbar war danach bei vielen Anwesenden die Luft so raus, dass man sich im ersten Drittel des B.W.-Auftritts bei einem Foto, das ausschließlich die Zuschauer zeigt, wohl hätte fragen müssen, warum da so viele Glatzköpfe im DARKSPACE-Publikum blöde rumstehen. Was war los?! Die Band konnte nichts dafür. Die Kutten (unter denen sich übrigens übelst lange Haare, keine Glatzen, verbergen), der Krach und die Augen (!) von Impurath, in denen der Teufel persönlich sitzen musste, gehörten allesamt zu einer Band, der man anmerkt, dass kein Konzert Routine, sondern jedes für sich ein brachialer Energieaustausch ist. Irgendwann konnte die Gewalt von Kloppern wie „Blood Oath“, „Command Of The Iron Baphomet“ oder „Desecration Of The Holy Kingdom“ auch auf die Menge übergehen, und spätestens bei den beiden BLASPHEMY-Covern „Ritual“ und „Demoniac“ flogen die Körper zu kultiviertem Ausdruckstanz anständig. Der Sound war besser als beim U.M.M. damals, und BLACK WICHTERY in einem Wort hieße an diesem Freitag: monumental! Nur „Unholy Vengeance Of War“ vermisste ich schmerzlich.
Pogo-Faktor: eigentlich 9/10. Realisiert 6,5/10.

BLACK WITCHERY sollten laut Plan bis 23:00 Uhr spielen. Ich schaute auf mein téléphone portable und es sagte 22:59 Uhr. Verdammt, ich will meine Minute Black Witching Metal haben! Egal, Tag 1 war vorbei und da das Billing des Samstags, wie bereits erwähnt, auf dem Papier besser aussah, hieß es wohl, morgen zu sterben. Gewinner des Abends waren MIDNIGHT und zum Abschluss sei ein schöner Dialog mit einem Türsteher wiedergegeben: TB (in die Halle (Rauchverbot) mit Kippe marschierend, sich umdrehend und herausmarschierend): „hoppla“ – TS: „Sehr aufmerksam.“ – TB: „Ja, im Gegensatz zu dir.“

           

 

Samstag, 14.11.2009

Eine Nacht, eine Dusche, ein Nudelauflauf (Zweideutige Komplimente, Teil 451: „Ich mag es trocken.“) und eine gewonnene handgreifliche Auseinandersetzung mit dem garstig verkletteten Etwas, das sich Haupthaar schimpfte, später stand ich vor den deutschen PEST (unterstützt vom Sturmhauben-Arjan (CULTUS etc.) an der Gitarre). Es war noch ziemlich leer in der Halle und vor der Bühne. Eine weitere Bewertung muss entfallen, da ich lediglich die Hälfte eines Liedes sowie das abschließende „Ära“ mitbekam. Klang vernünftig. Zum ersten und letzten Mal gab es übrigens weiße Schminke zu sehen (ARCHGOAT lassen die übrigens mittlerweile auch weg), zum zweiten Mal hingegen die MIDNIGHT-Maske.
Pogo-Faktor: nix-los/10

BONE AWL trümmerten anschließend knackige 2-Minuten-Stücke mit fetzigem ILDJARN-Bounce hernieder. Oder nur 1 Stück, aber das 15 Mal. Keine Ahnung. War aber nicht übel.
Pogo-Faktor: immer-noch-nix-los/10

Die Gemächer füllten sich nur schleppend und es war abzusehen, dass (entgegen der Befürchtung) der Samstag definitiv nicht maßlos überfüllt sein wird. Heiß erwartet begannen EMBRACE OF THORNS aus Griechenland ihr Set. Massiver schwarzer Death Metal, düster und bedrohlich, brutal und doch mit einem (wahrlich nicht zu großen) Melodie-Anteil. Gespielt wurden natürlich auch einige Stücke ihres verdammt gelungenen aktuellen Albums „Atonement Ritual“, z.B. "Nemesis Of Impurity", "Death Yells In Triumph" oder "Perdition Hammer". Dringende Kaufempfehlung hier! Das letzte Stück war nach Ansage „das längste der Band“ und gleichzeitig irgendwie auch das beste des ganzen Programms. Muss wohl „The Blinded Whores Addicted To Nazarene“ vom ersten Demo sein?! Jedoch gilt für den gesamten EMBRACE OF THORNS-Auftritt: Schwer gut!
Pogo-Faktor: keine-Pogo-Musik/10

Es wurde immer besser... Kleine Planänderung: Nach den (ich wiederhole: saumäßig überzeugenden) EMBRACE OF THORNS sollten statt VILLAINS nun schon MORBOSIDAD und anschließend (statt vor den Mexikanern) PROCLAMATION spielen. Gnnaaaa. Also fein in der Halle geblieben und Morboso-Metal mit Gasmaske geguckt. MORBOSIDAD knüppelten was das Zeug hält und sorgten erstmals an diesem Tag für ordentlich Stimmung. Das spanische Gestammel kann eh keiner identifizieren, ebenso die Songs untereinander, also scheißen wir mal auf Songtitel oder sowas. Nagut, ein paar Dinger der „Profana la cruz del nazareno“ waren definitiv dabei. Ich muss übrigens mal erwähnen, dass ich den Sänger wahnsinnig sympathisch finde. Steht nur da, kläfft ab und an ins Mikro und wirkt wahnsinnig arrogant. So soll es sein. Selbiger zündete übrigens noch ein altes Buch an und warf es ins Publikum, was der alte Schinken natürlich nicht lang überlebte. Original MORBOSIDAD-Bibelseiten demnächst auf eBay! Ärgerlich: Das einzige Mal an diesem Wochenende war der Sound nicht ganz so prall.
Pogo-Faktor: 7/10

Kurze Pause und schon grollte es finster in der Halle. Irgendwer fand leider den Lichtknopf zu spät, sodass PROCLAMATION bereits begannen, sämtliche Helligkeit zu absorbieren, auszuscheißen und auf sie zu treten, bevor es in technischer Hinsicht reguliert wurde. Macht nichts in Anbetracht der absoluten Finsternis, die die Spanier auf die Bühne brachten. Was für ein Gekläffe, was für ein Gitarrensound, was für eine bösartige Präsenz! Die blanke Perversion fand in herben Salven wie „Wrath Of The Apocalypse“, „Execration Of Cruel Bestiality“, „Nocturnal Damnation“ oder „Messiah Of Darkness And Impurity“ einen Trichter. So muss das klingen, und wir alle wissen unlängst, dass sich der Schlund zur Hölle weit südlich von herumfrickelnden Netzhemdträgern auftut. PROCLAMATION: Band des Festivals! Beweis: Mindestens drei Typen, die ich überhaupt nicht kannte, aber mir im Vorbeigehen schweißgebadet so was wie „sehr gut“, „amazing“ oder „Wahnsinn“ ins Gesicht raunten. Eine mächtigere Liveband dieser Sorte könnte wohl wahrlich höchstens TEITANBLOOD werden...
Pogo-Faktor: 8/10 mit 3 Bonuspunkten für unmenschlich geile Musik.

VILLAINS, bäh. Nur kurz mal reingeschaut und wieder weg. So ein Schrott.
Pogo-Faktor: wat-willst-du?!?/10

Dann waren da noch ARES KINGDOM und IGNIVOMOUS. Beide nur kurz gesehen, ARES KINGDOM überhaupt nicht mein Fall; IGNIVOMOUS fein düster, aber auch unspektakulär.
Kommen beide zusammen auf einen Pogo-Faktor von... ähm... pi/10.

Schnell, schnell, schnell... Stand abbauen ist fies, wenn man schon das Intro von REVENGE hört. Nagut, nur einen halben Song verpasst, dafür aber „Blood Of My Blood“, „Genocide Conquest“, „Traitor Crucifixion“ usw. mitbekommen. Genauer gesagt: Die technische Kampfmaschine namens REVENGE, gedrillt auf Vernichtung und Eroberung! Jede Menge „violent dancing“ unserer östlichen Nachbarn begleitete das wilde, hektische und brutale Schauspiel stilgemäß. Was will man mehr!? Nagut, CONQUEROR-Songs gab es leider gar nicht... Ansonsten: Wahnsinn! Und mit Worten schwer zu beschreiben, darum -> Punkt.
Erwähnungswert: Die zwei lustigen Zwerge vor uns, von denen der eine ein wenig wild tanzte, der andere das wohl nicht so spaßig fand und (ernsthaft) auf ihn einprügelte, jener das Ganze aber ebenso nur als eine heitere Form von Ausdruckstanz empfand und im „cool, lass uns so tun als ob!“-Schattenboxstil mitmachte. Köstlich. REVENGE vernebelten halt mächtig die Sinne.
Pogo-Faktor: 10/10

Wieder war fast Punkt 23 Uhr Schluss. Top! Nach dem gewohnten Umweg des Fahrers mit dem guten Musikgeschmack landete ich irgendwann am Sonntagnachmittag dann auch wieder daheim.

           
   

 

Fazit:

Das beste Festival des Jahres ... wenn nicht des Jahrzehnts!
BLASPHEMOPHAGHER, MORBOSIDAD, MIDNIGHT, BLACK WITCHERY, EMBRACE OF THORNS, PROCLAMATION und REVENGE, dazu nette Leute (Gruß an: St. und den Typen auf dem Rücksitz, Frau L., gesamte W.T.C.-Crew, C.K. & S.L., PROCLAMATION, TRUPPENSTURM, Horned Rec., „wie heißt sie noch, achja...“-Caro, Felix, O.A.P. & A.O.P. (& Opa), Wurzelgeist & die Berliner Jungs, paralyzed & Folter Rec., Arjan, blaaaa...), viele hübsche Weiber (Lieben Gruß an „Jule“! (Inside(he)r-Alarm)), viele Dollarzeichen in den Augen von Bassgitarrenherstellern, guter Sound, perfekte Einhaltung des Zeitablaufs (mit Ausnahme des kleinen Wechsels), angenehmes Publikum trotz einiger Lo-ser, ca. 2.000 Tattoos und 25.000 Patches, nahegelegene Verpflegungsmöglichkeiten am Ostbahnhof sowie keine lächerlichen Homo-Bands aus Taka-Tuka-Land, sondern Spanier, Polen und Italiener, die sich zu Mexikanern, Amerikanern und Kanadiern kloppen... Alter, was will man mehr?!? BLASPHEMY vielleicht. Ansonsten: Werte Veranstalter, bitte bitte macht noch mal so’n Ding! Gern auch einfach das vergangene wiederholen!

 

Bilder: T.B. / © Final War Mag.