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Es waren „niedere Beweggründe“, die mich zum Besuch dieses Konzertes bewogen. Erstens das „wenn schon mal etwas in der Stadt ist“-Argument, zweitens die junge Vorband aus dem lokalen Bekanntenkreis, auch wenn „Regionalpatriotismus“ nun wirklich das Letzte ist, das für mich normalerweise auf die Pro-Liste der stichpunktartigen Abwägung gehört. Im Geldbeutel sah es auch relativ unbedenklich aus, sodass die satten 15 € dem ... räusper... großen, heiß erwarteten ... räusper... Headliner aus Kiel mürrisch zwar, doch nicht mit gesteigertem Argwohn in den Rachen geworfen werden konnten. Eine bodenlose Frechheit war dieser Preis für drei deutsche Bands trotzdem, wäre er im Nachhinein doch in 3 Coca Cola, einer neuen Unterhose und geschätzten 17.000 Gummibärchen besser investiert gewesen!
Austragungsort war die MS Stubnitz, die manchem Leser wohl unbekannt sein dürfte. Dieser ausgediente Kühltransportkutter der DDR Hochseefischfangflotte tingelt jährlich durch den Ostseeraum und bietet seinen Rumpf an verschiedensten Orten den exotischsten Events feil, darunter auch ab und an einem Metalkonzert wie eben selbigem, über das berichtet werden soll. Blättert man in der Historie der Lokalität finden sich dann übrigens schon mal neben einer Menge Spaß-Grind-Mist und merkwürdigen Ausstellungen Namen wie CRYPTOPSY, ABIGAIL oder auch ANAL CUNT und DEATH IN JUNE, ja auch NAGELFAR sollten dort mal spielen, lösten sich aber wenige Tage zuvor auf, weshalb die damals noch recht unbekannten DRAUTRAN einsprangen.
An besagtem Tage waren es nun ENDSTILLE, MATHYR und SILENT LEGES INTER ARMA, die sich eventuell einen kleinen Wunsch erfüllten, stand doch vielleicht neben Lokomotivführer, Astronaut und Propagandaminister auch der Pirat auf der Liste geplatzter Kindheitstraumberufe ganz weit oben.
Angekommen musste zunächst überprüft werden, ob die Taue auch ordnungsgerecht angelegt waren und wir nicht irgendwann in der Walachei aufwachen (die jedoch relativ schwierig zu erreichen wäre). Nach der Feststellung, dass man nicht gerade Fachmann für eine derartige Inspizierung ist, konnte die Lokalität auch in ihrem Innersten gemustert werden. Nicht viel hat sich getan, seitdem ich vor gut einem halben Jahrzehnt das letzte Mal dort drin war. Damals übrigens bei einem dieser merkwürdigen Death/Grind-Abende, u.a. mit PERVERSE, PURGATORY und solch „denkwürdigen“ Truppen mit Namen wie EBOLA BEACH PARTY. Erinnerungen wurden wach, gab es an besagtem Abend doch eine nicht kleine Verspätung, wobei jedoch die letzten Bands vor allem deswegen nicht spielen konnten, weil jemand ins Wasser geplumpst ist und die Polizei anrückte. Sowas, das kann ich vorwegnehmen, sollte an diesem Freitag nicht passieren. Geringfügige Unterschiede ließen sich jedoch trotzdem ausmachen: die Flächen zu Seiten des Stegs im Rumpf sind mittlerweile aufgestockt, wodurch auch dort Platz für Zuschauer war, die allerdings ganz schön nach oben gucken müssen, um das Konzert aus Umpa-Lumpa-Perspektive zu betrachten. Schade, war es doch einst ein lustiger Anblick wie diverse Herrschaften durch die Geländer purzelten und sich ein ganzes Stückchen tiefer wiederfanden. Weitere, recht amüsante Änderungen: zwischen erster und zweiter Etage baumelte ehemals der Kopf von Pinhead (ja, der von „Hellraiser“). Mittlerweile hat dieser aber anscheinend seine „Pins“ verloren und ist schwarz angemalt worden. Nunja, in Verbindung mit einem merkwürdigen Gebilde moderner Kunst, aus dem man unschwer eine Swastika erkennen kann, gibt ein blutiger, abgeschnittener Negriden-Kopf der Innenausstattung der „NS Stubnitz“ einen für manche bedenklichen, für andere wiederum gemütlich arianisierten Touch. Wie dem auch sei, die Pausenmusik zählte im Übrigen zu den beschissensten, die ich je gehört habe, und dabei gefällt mir Pausenmusik eh fast nie. Das heißt also, dass das obligatorische Nervpotential, das man eh schon erwartet hat, hier noch stark überschritten wurde. Als hätte man einem dicken braunen Haufen noch mal eine Ladung Pupsspray verpasst. Für weitere Belustigung sorgte indes der Flyer, der den Abend ein wenig vermessen als „Funeral Black Metal Deva[Fleck]ion over Europe“ ankündigte, wo ich mir ein mittelprächtiges lokales BM-Konzert doch eher schlecht als gesamteuropäisches Grabschändungs-Phänomen vorstellen kann...
Man man, nun tippe und tippe und tippe ich bereits eine halbe Ewigkeit, aber von den Bands habe ich noch nichts erzählt. Nunja, eine Stunde nach planmäßigem Beginn, soll heißen 22 Uhr, standen nun SILENT LEGES INTER ARMA (wer's braucht: „zwischen den Waffen schweigen die Gesetze“) auf der Bühne. Traditionell kostümiert in Corpsepaint und Nieten gab das Rostocker Trio oberkörperfrei das erste Konzert ihrer noch jungen Bandgeschichte. Summa summarum würde ich der Entjungferung das Gesamtprädikat „Durchschnitt“ geben, was in Anbetracht so vieler junger, ambitionierter aber zumeist hemmungslos untalentierter Nachwuchsbands ein stattliches Ergebnis ist. Zumindest schienen die Herren dem Kindergarten bereits entwachsen zu sein und die Sache doch ernsthafter anzugehen als in pubertären Revoluzzerphasen zusammengeschusterte Projekte geltungsbedürftiger Nachhilfeschüler, die gerade in der Aula ihrer Musikschule eine Grim Black Metal Party zur Belustigung der Dorfjugend zelebrieren. Dem (zumeist minderjährigen) Publikum wurde furztrockener Black Metal in variierenden Tempi um die Ohren gehauen, wobei letzteres auch beinhalten soll, dass z. T. das Schlagzeug im Blast, die Gitarren aber melancholisch langsam gespielt wurden. Wem’s gefällt. Ein paar Mängel stehen jedoch noch auf meiner Liste. Punkt eins: Raumaufteilung. Wer ist auf die grandiose Idee gekommen, den Bassisten mittig, den Gitarristen und Sänger dafür seitlich zu positionieren?! Man müsste dafür die räumlichen Gegebenheiten der Stubnitz kennen, aber glaubt mir, aus diversen Winkeln war der Sänger somit nicht mehr visuell wahrnehmbar. Da das Zupfen des Viersaiters außerdem wesentlich aktiver geschah, musste man unfreiwillig an eine Art Animateur inmitten der Bühne denken. Punkt zwei & drei: Schon jetzt war abzusehen, dass die sehr helle Bühne samt Monitoren nicht unbedingt für atmosphärischen Black Metal gebaut wurde, ebenso schien der Soundmann zu denken, dass extreme Musik am besten deftig scheiße zu klingen hat. Aber für beides kann man nun nicht die Band verantwortlich machen...
 
 
Es folgten MATHYR, deren „Banner“ bereits bei S.L.I.A. die Bühne verzierte. Ich schreibe „Banner“ in Anführungszeichen, da es vielmehr ein weißes Bettlaken war, auf das die Band mit Fingermalfarben ihr Logo schmierte. Wenn ich mich recht entsinne, war es auch mit Blut besudelt. Ziemlich gemein, der Freundin in der Erdbeerwoche die Laken zu klauen und sein Logo drauf zu kritzeln, oder was meint ihr?! Ansonsten war es für die doch wie ziemlich willkommene Schwiegersöhne wirkenden MATHYR schwer, ein „böses Image“ aufzubauen. Ich hatte sie vor drei Jahren bereits mal gesehen und kann keine Steigerung feststellen. Belangloser melodischer Black/Death/Thrash, ebenso nichtssagend wie schwachbrüstig und pseudo-avantgardistisch. Nicht richtig schnell, nicht richtig langsam, die zäheste „Dynamik“, die man sich vorstellen kann ... mit anderen Worten: nichts Halbes und nichts Ganzes. Vielleicht ein Grund, warum die Thüringer immer noch zu semi-großen Gigs tingeln und als fragwürdige „Co-Headliner“ eine knappe Fussballmannschaft in den vorderen Bühnenbereich locken, wobei in Anbetracht solch freundlich-warmherziger Ansagen der Slogan „Death. Coldness. Destruction. Darkness“ zu ca. vier Vierteln ersetzt werden sollte.
 
Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als es, auch in einer etwas ernsteren Schicht des Untergrundes, wahnsinnig angesagt war, ENDSTILLE toll zu finden. Eisernes Kreuz und so; voll cool. Manche sind über die Jahre treue Fans geblieben, doch zumeist ernten die Kieler heutzutage ihre Anhängerschar aus jüngerer Saat. Wieso eigentlich funkeln uns beim Auftritt der Vier so viele Zahnspangen enthusiastischer Halbwüchsiger entgegen? Weshalb scheint in unmittelbarer Nähe Rostocks eine ENDSTILLE-T-Shirt-Fabrik explodiert zu sein? Auf diese und viele andere Fragen (z.B. „Warum ist ‚einsilbig’ dreisilbig?“, „Gibt es in der Teefabrik Kaffeepause?“ oder „Kann man sich im Handumdrehen einen Fuß brechen?“) fand ich in den drei bis vier Stücken, die wir uns antaten, keine Antwort. Ich bin auch heute noch der festen Überzeugung, dass ENDSTILLE ohne die enorm aufdringliche Propagandamaschine ihres Labels höchstens als etwas bessere Vorband taugen würden. Es sind nun zwar keine schlechten Musiker, aber schon schnell ergriff mich Langeweile. Mit Liednamen kann ich nicht dienen, die Titel klangen eh alle gleich. Exorbitant dämlich muss ich die Animationsversuche des Sängers nennen. Kann der auch mal seine Zunge drinnen lassen?! Das Gehampel erinnerte an MARDUKs Legion in besten Tagen und hätte vermutlich gut in das Zirkuszelt gepasst, das zufällig direkt vor dem Kutter aufgestellt war. Wenn es eine Band vorzieht, mit spastischen Verkrampfungen, Brustwarzenpiercings und Zungenakrobatik die Sensationsgeilheit der (in zweierlei Hinsicht) heranwachsenden Fan-Meute zu bedienen, bitte schön. Voll cool halt.
 
 
 
Fazit:
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Ich finde es generell gut, dass auch mal wieder düstere Metal Konzerte in Rostock stattfinden. Die beste Location ist die neu getaufte „NS Stubnitz“ trotz Enthauptung pigmentierter Mitbürger und großer, gerissen versteckter Winkelelemente immer noch nicht, aber das wäre verkraftbar. Auf keine Kuhhaut geht jedoch ein Headliner wie ENDSTILLE und der für so ein Aufgebot genommene Eintrittswucher. Da hätte man bessere und ausländische Bands günstiger kriegen können (Stichwort Fähranbindung Schweden und Dänemark!), und die Leute (neben den üblichen Verdächtigen auch einige von außerhalb) wären eh gekommen. Nunja, MATHYR werden schnell vergessen sein und mit SILENT LEGES INTER ARMA hat Rostock, nach den durch progressive Allüren ausgeschiedenen PERSOPHONE, nun auch wieder eine grundanständige Black Metal Band, die ihr erstes Konzert absolvierte und dabei schon fast wie beim zweiten oder dritten wirkte. Wollen wir hoffen, dass die Wahl in Zukunft aber nicht unbedingt auf Kaliber a la ENDSTILLE fällt. Mit ESOTERIC im kommenden Monat sieht das aber schon mal ganz vernünftig aus...
 
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Bilder: Torsten / © Final War Mag.
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