Der Blutharsch / Deutsch Nepal / Bain Wolfkind - 25.09.2009 im Club Lagerhof / Leipzig
von Torsten

Terrortour 2009. Soll heißen: Frisch aus einem (teilweise) versifften Drecksloch, das heute auf den ekligen Namen Istanbul hört aber mit seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit zu beeindrucken weiß, eingeflogen, in Hamburg am Flughafen aufgegabelt und noch rechtzeitig ins Marx gekommen, um den recht beschiss ... äh ... bescheidenen BORKNAGAR-Auftritt zu sehen, der nur als Anheizer für die kommenden Konzerte in Leipzig und Zwickau dienen sollte. In Celle genächtigt (nochmals vielen Dank an Frau L. für die Gastfreundschaft!) und ab nach Leipzig, wo u.a. DER BLUTHARSCH ein Gastspiel gaben, über das ich demzufolge mehr berichten kann als über den kurzen Hamburg-Boxenstopp. Mit im Gepäck sollten DEUTSCH NEPAL und BAIN WOLFKIND sein. Eine Zusammenstellung also, die es genauso 2006 schonmal auf einer „Abschiedstournee“ gab, die freundschaftliche Verbindung zwischen den Musikern jedoch voraussetzen durfte.

Vor Ort, also in Leipzig, wurde zum Zwecke der Unterbringung in eines dieser Etap-Hotels eingecheckt, die an Minimalismus kaum zu übertreffen sind. Nennen wir es funktionabel. Oder praktisch. Auf jeden Fall billig und für eine Nacht definitiv ausreichend.

Es dauerte eine Weile bis wir den Veranstaltungsort ausfindig machen konnten, was im Nachhinein aber keine Beschwerde sein soll, denn mir gefiel die Abgelegenheit des „Lagerhofes“ irgendwo beim Bahnhof durchaus. Am Einlass wurde das Portemonnaie um 23,- € erleichtert. Kein Pappenstiel für drei Bands, aber nachdem man sich 10 Tage größtenteils mit Yarim Tavuk Döner für 2,50 YTL (also ca. 1,20 €) durchfutterte (und arge Verdauungsprobleme dadurch erntete), war dies durchaus drin.

Ok, an dieser Stelle vielleicht eine kleine Horizonterweiterung für unsere „Ich höre Metal, sonst nix“-Leserschaft: Es trifft sich bei dieser und ähnlichen Zusammenkünften scheinbar das gesamte Potpourri der sog. „schwarzen Szene“, von Gothics über Alternativen und Metallern bis zu Emos und „Neofolkern“. Letztere sind meist selbst sehr klein, benutzen aber die Abzeichen an ihren Uniformen quasi wie einen „Golf GTI“ für schwanzvergleichende Szenepunktesammler. Im Gegensatz zu Metalkonzerten ist der Umgangston meist sehr freundlich, die Gesamtstimmung friedlich und die Pausenmusik (sowie teilweise die Bühnenmusik) läuft so leise, dass man sich gar ungestört unterhalten kann, ohne dass man am nächsten Tag gleich wie Joe Cocker nach einer Death Metal Bandprobe klingt oder jemand volltrunken zwischen den Gesprächspartnern rumtorkelt und „Saufen!“ brüllt. Ok, ich sehe schon, einige Leser werden sich bei der letzten Notiz denken „Du sagst das als wenn das was Schlechtes wär?!“...

Das Ein-Mann-Projekt BAIN WOLFKIND aus Australien machte den Anfang. Seltsam. Es war alles andere als schlechte Musik, doch hätte man es sich live nicht geben müssen. Der Mastermind, der so heißt wie die Band, steuerte zum schleppend-düsteren Rock/Blues vom Band lediglich seine Reibeisenstimme bei. Mich störte dabei insbesondere, dass der vor dem Auftritt scheinbar völlig klare Protagonist sich mit Ertönen der Musik wie auf Knopfdruck in einen anzüglichen, angeblich betrunkenen oder zugedröhnten moderner Elvis/Johnny Cash/Kurt Cobain-Verschnitt verwandelte und, an nur einem Bier nippend, zu einem hauptsächlich aus Titeln der beiden Alben „Music For Lovers & Gangsters“ („I’m Bad, Baby“ oder „My Name Is Poison“) und „The Swamp Angel“ (z.B. „Corruption Is The Currency“) bestehenden Set auf eine für mich zu geschauspielert wirkende Weise den Skandalrocker gab.

DEUTSCH NEPAL (Ergibt der Name überhaupt Sinn?) begann als ich mir gerade endlich mal wieder eine gute deutsche Bratwurst von einem sehr kommunikativen Grillmeister zu Gemüte führte. Wieder nur eine Person auf der Bühne, die sich standesgemäß gut einen hinter die Binde kippte. Anfangs, muss ich gestehen, konnte ich mit dem psychedelischen Dark Ambient / Industrial des Schweden und Co-Gründers von Cold Meat Industry nicht allzu viel anfangen, doch entfaltete die Musik von Lina Baby Doll in den ca. 45 Minuten nach und nach ihre Anziehungskraft. Wikipedia schloss nun auch eine Bildungslücke: Der Name kommt von einem AMON DÜÜL II Song. Die zu Beginn des Auftritts am Bühnenrand baumelnde Banane veranschaulichte ganz nett den Sinn des Schweden für (grotesken) Humor.

Headliner waren DER BLUTHARSCH aus Österreich. Albin Julius, Marthynna und der Rest der Band schienen in Topform und verknüpften die Attribute psychedelisch, mitreißend, „cool“ und martialisch zu einer beeindruckenden Bühnenausstrahlung, die mit der außerordentlichen musikalischen Fertigkeit der Gruppe das Gesamtbild komplettierte. Mit Liednamen zu dienen, gestaltet sich bei der Band ja eh diffizil. „Time Is Thee Enemy!“ und einiges von „The Philosopher’s Stone“ dürften dabeigewesen sein, wie wahrscheinlich auch Stücke des neuen Albums „Flying High!“, welches ich aber noch nicht kenne. Mir persönlich sagen sowieso die neueren, progressiven Rock-Sachen eher zu, und aus denen Bestand das Set nahezu komplett. Auch wenn ein oder zwei Lieder weniger den nach einer Weile anstrengend werdenden Gig sicher nicht schlechter gemacht hätten, lässt sich resümieren, dass DER BLUTHARSCH live große Klasse sind ... und Gitarre spielende Weiber in Hemd und Krawatte verdammt sexy. Finstrer Rock mit einem Höchstmaß Charakter, der in einer Lautstärke aus den Boxen kam, dass danach die Ohren nur so bluteten.

Hier mal ein paar Livevideos, die allerdings nicht von mir stammen:
Deutsch Nepal in Leipzig
Der Blutharsch in Leipzig 1
Der Blutharsch in Leipzig 2

 

Fazit:

Wenngleich die Goldene-Himbeere-verdächtige Aufführung von BAIN WOLFKIND dessen musikalisch einwandfreien Auftritt trübte und DEUTSCH NEPAL nur bedingt glänzte, rechtfertigte DER BLUTHARSCH mit einem beeindruckenden Konzert schon völlig allein den Ausflug nach Leipzig. Doch lange in Erinnerungen schwelgen war nicht drin, denn schon musste der Vorfreude auf TRIARII, SPIRITUAL FRONT und ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO Platz gemacht werden ...

 

keine Bilder: Torsten / © Final War Mag.